Donnerstag, Juli 27, 2006

Laufen im Hinterland des Jubels

Der Tiergarten wird derzeit gleichgesetzt mit "Fanmeile". Doch für denJogger sind die Fans weit weg: Nie war es schöner durch den Tiergartenzu laufen.

Fans strömen bepackt mit ihren Winkelementen Richtung Fanmeile. Bald beginnt ein Spiel. Ich bin dagegen nur mit dem Nötigsten bekleidet: Joggingschuhe, Turnhose und T-Shirt. Denn gerade bei so einem WM-Turnier kommt es mehr denn je auf die körperliche Fitness an und ich bereite mich gewissenhaft auf die Partie gegen Portugal vor.Am Eingang verzichtet der stämmige Security-Mann lachend auf die Leibesvisitation: "Ich seh ja, dass Du nichts dabei hast." Die Frau neben mir an den Sperrgittern hat einen Deoroller in ihrer Tasche. Sie soll das Deodorant außerhalb des Geländes verstecken. Unwahrscheinlich, dass sie ihn später wieder finden wird. Gewiefte Sammler, so erzählt man sich, hätten sich darauf spezialisiert, zurückgelassene Parfüms, Taschenmesser, Nagelpfeilen oder scheren in der Nähe der Eingangskontrollen zu finden. Für mich ist das kein Problem, mein Deo hat in der Mittagshitze längst versagt.

Endlich im Grünen

Auch die Männer vom Gartenamt schwitzen, während sie einen kleinen Handkarren, auf dem ein Schlauch aufgerollt ist, hinter sich herziehen. Nein, Sonderschichten würden sie nicht fahren: "Das ist doch alles nichts im Vergleich zur Loveparade."Beim Vorbeigehen an den Toilettenhäuschen äußern sie sich sogar verständnisvoll über die Bedürfnisse anderer: "Fünfzig Cents verlangen die hier, da würde ich doch auch in den Park gehen, ganz ehrlich."Ich laufe los und verlasse die asphaltierte Straße. Die östlichen Teile des Tiergartens, die schon seit Beginn der WM abgesperrt sind, sind menschenleer. Die Lindenbäume stehen in voller Blüte und verströmen ihren süßen Duft. Ich habe das Gefühl, mich aus der Großstadt herauskatapultiert zu haben. Nach wenigen Schritten habe ich den Einfluss der WM hinter mir gelassen. Kein Müll ist auf den Rasenflächen zu sehen, und ich nehme auch den befürchteten Geruch menschlicher Ausscheidung nicht wahr.

Mit der WM verschwanden die Grills

Ich passiere die umzäunte Luiseninsel. Auf Schildern wird darum gebeten, wegen der Kaninchenplage die Tore geschlossen zu halten. Die bunten Blumenbeete leuchten voller Pracht, weder Kaninchen noch Fußballfans sind über die gepflegte Gartenanlage hergefallen. Nur wenige Spaziergänger begegnen mir im Park.Ich kreuze die Hofjägerallee. Für das Halbfinale ist die Fanmeile nach Westen erweitert worden. In der Ferne leuchtet die Großbildleinwand am Fuß der Siegessäule. Ein Jogger läuft die ausgestorbene Straße entlang. Er ist begeistert von den Absperrungen: "Jetzt haben wir unseren herrlichen Garten für uns allein und müssen nicht wie sonst durch die Schwaden der unzähligen Grills laufen."Weiter westlich liegen vereinzelt nackte Sonnenanbeter auf dem Rasen. Die Stimmung ist entspannt, vom großen Ansturm ist hier nichts zu spüren. Ich beneide die Liegenden, während ich weiter laufe. Aber meine Kondition reicht nicht für 90 Minuten. In Richtung S-Bahn-Hof Tiergarten verlasse ich das abgesperrte Areal. Nie war es schöner durch den Tiergarten zu laufen. Wenn es bloß nicht so heiß wäre.

Artikel bereits veröffentlicht bei sport.ard.de

Tiergarten bleibt Joggerparadies - WM 2006 - sport.ARD.de